Interview mit Dr. Nikolai Puhlmann - Geschäftsführer IRIS Adlershof

02.11.2015

„Mit der Konzentration von so vielen hochkarätigen Partnern am Standort haben wir eine sehr gute Basis und Entwicklungsperspektiven. Aus unserer Sicht gibt es keinen besseren Standort als Berlin für das Projekt.” - Dr. Nikolai Puhlmann, Geschäftsführer IRIS Adlershof im optiMST-Interview über die Entwicklungen am Institut, den Forschungsneubau und die Potenziale am Standort Berlin.

  Nikolai Puhlmann: © Nora Butter

1. Herr Dr. Puhlmann, Sie sind Geschäftsführer des IRIS Adlershof, einem neuartigen Forschungsinstitut der Humboldt-Universität zu Berlin. Wie ist das Institut entstanden und welche Projekte gibt es im Bereich Optik?

Dr. Nikolai Puhlmann: Das IRIS Adlershof ist ein neues Forschungsformat der HU und keine Konkurrenz zu bestehenden Fachinstituten. Die Idee der beteiligten Wissenschaftler war es, hier am naturwissenschaftlichen Campus der HU in Adlershof, ein zusätzliches Angebot für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu entwickeln und die Voraussetzungen für die  Spitzenforschung zu schaffen bzw. zu verbessern. Zu Beginn stand dabei die Analyse, in welchen Kompetenzfeldern wir bereits jetzt durch unsere Leistungen eine hohe internationale Sichtbarkeit aufweisen. Eines dieser Kompetenzfelder ist die Moderne Optik, die sich auch in einem unserer beiden zentralen Forschungsfelder „Hybridsysteme für Optik und Elektronik” wiederfindet. Hier erforschen wir neuartige Hybridsysteme aus anorganischen und organischen Materialkomponenten, auch um innovative Anwendungen in der Optik, Elektronik und Photonik zu ermöglichen.
Ein weiteres für die Moderne Optik sehr interessantes Vorhaben wird von der Einstein Stiftung Berlin gefördert. Gemeinsam mit Kollegen von der Hebrew University Jerusalem versuchen wir hier herauszufinden, wie sich mithilfe von Erkenntnissen aus der Quantenmechanik die Emission und Absorption von Licht kontrollieren lässt. Dabei arbeiten wir auf kleinster Skala: Einzelne Lichtquanten werden untersucht und manipuliert.

2. Wie ist das IRIS organisiert und welche Räumlichkeiten haben Sie, damit die Mitarbeiter aus den verschiedenen Instituten zusammenarbeiten können?

Dr. Nikolai Puhlmann: IRIS Adlershof ist Teil der HU und kooperiert in seinen zentralen Forschungsfeldern „Raum – Zeit – Materie” und „Hybridsysteme für Optik und Elektronik” sehr eng mit strategischen Partnern hier am Standort Adlershof, im Raum Berlin/Brandenburg aber auch weit darüber hinaus auf nationaler und internationaler Ebene. Die Kooperationen und Projekte kommen meist auf Initiative der beteiligten Wissenschaftler zustande, die Geschäftsstelle hilft dann bei der Koordination, der Beantragung der Fördergelder, bei der Dokumentation sowie bei der Organisation und Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen. In der Geschäftsstelle arbeiten im Moment fünf Personen, mich inbegriffen.

IRIS war von Beginn an als Institut mit eigenen Räumen geplant, wir wollten nie nur eine „virtuelle” Einrichtung sein. Das war nicht ganz einfach zu realisieren, aber inzwischen haben wir in Adlershof über 1.000 qm Bürofläche, wo nicht nur unsere Geschäftsstelle sitzt, sondern derzeit fast 100 Personen in den verschiedenen Projekten jeden Tag arbeiten. Außer den Büroflächen haben wir auch Vortrags- und Begegnungsräume, wo Mitarbeiter und auch Gäste miteinander ins Gespräch kommen können.

3. Für IRIS wurde ein Forschungsneubau bewilligt, an dem in Zukunft Kapazitäten für Laborräume und weitere Büroräume geschaffen werden. Was planen Sie dort und wann wird das eröffnet?

Dr. Nikolai Puhlmann: Für die interdisziplinäre und hochinnovative Forschung an den anorganisch-organischen Hybridmaterialien benötigen wir in der Tat eigene Labore, die bisher in dieser Form weder bei der HU noch bei den Kooperationspartnern zu Verfügung stehen. Mit unserem Konzept für ein speziell gestaltetes Forschungsgebäude haben wir einen Förderantrag beim Bund eingereicht und das Entscheidungsgremium überzeugen können.

Einer Empfehlung des Wissenschaftsrats folgend, hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz beschlossen, die Errichtung eines hochmodernen Forschungsbaus für IRIS Adlershof zu fördern. Bund, Land und die Humboldt-Universität stellen hierfür insgesamt 44 Mio. Euro zur Verfügung. Mit der Förderung werden entsprechend der Förderkriterien die herausragende wissenschaftliche Qualität und die nationale Bedeutung des Vorhabens „Organisch-anorganische Hybridsysteme für die Optik, Elektronik und Photonik” gewürdigt. Der Forschungsbau mit einer Gesamtnutzfläche von gut 4.700 Quadratmetern für etwa 140 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler soll bis zum Jahr 2018 eröffnet werden. Er entsteht nordöstlich des Instituts für Physik und wird IRIS Adlershof zu einem international noch sichtbareren Zentrum dieses innovativen Forschungsfelds ausbauen.

Bauherr ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, mit der es eine gute Zusammenarbeit gibt.

4. Welche wissenschaftlichen Schwerpunkte sollen in dem neuen Gebäude in Zukunft bearbeitet werden? Gibt es auch Projekte im Rahmen der Nachwuchsförderung?

Dr. Nikolai Puhlmann: Der stete und rasante Fortschritt in der Mikroelektronik und in den optischen Technologien ist Taktgeber für zahlreiche Innovationen. Die etablierte und über Jahrzehnte äußerst erfolgreiche Halbleitertechnologie stößt dabei jedoch zunehmend an Grenzen, vor allem wo es um Multifunktionalität sowie Ressourcen schonende Herstellung und energieeffizienten Betrieb einschlägiger Bauelemente geht. Der Übergang zu strukturierten Verbundsystemen aus unterschiedlichen organischen und anorganischen Materialien auf Nanoebene, die am IRIS Adlershof erforscht werden, erschließt dagegen neue Eigenschaften und damit neue Anwendungsperspektiven. Diese sind sehr breit: So können hocheffiziente Hybrid-Solarzellen dazu beitragen, die Energiewende zu beschleunigen. Die Integration von multifunktionalen Hybridelementen auf kleinsten Längenskalen bei gleichzeitig minimiertem Energieverbrauch eröffnet aber auch neue Möglichkeiten für differenziertere Diagnostik sowie für die elektronische und optische Verarbeitung von Informationen.

Die an der HU bereits jetzt sehr gut aufgestellte Nachwuchsförderung wird von den neuen, exzellenten Arbeitsmöglichkeiten im IRIS-Forschungsbau ebenfalls stark profitieren. Dazu ist die Einrichtung von vier neuen Nachwuchsgruppen geplant. Darüber hinaus werden Doktorandinnen und Doktoranden von Verbundprojekten wie dem Sonderforschungsbereich 951 „Hybrid Inorganic/Organic Systems for Opto-Electronics” (HIOS) und der „Graduate School of Analytical Sciences Adlershof” (SALSA) in das Forschungsprogramm einbezogen. Auch den Studierenden des Internationalen Master Studienganges „Polymer Science” werden die neuen Labor- und Begegnungsflächen offen stehen.

5. Wie finanziert sich IRIS und wie sind die Entscheidungsstrukturen?

Dr. Nikolai Puhlmann: Wir haben ein recht überschaubares Grundbudget für unsere Geschäftsstelle und für zentrale Aufgaben, die wissenschaftlichen Projekte werden jedoch vorrangig über Drittmittel finanziert. Besondere Bedeutung haben dabei die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern sowie unsere drei derzeit von der DFG geförderten Sonderforschungsbereiche.

Finanzielle Entscheidungen, die solche Drittmittelprojekte betreffen, werden von den an diesen Vorhaben beteiligten Wissenschaftlern selbst getroffen. Übergreifende, IRIS insgesamt tangierende inhaltliche und finanzielle Fragen werden von der IRIS-Mitgliederversammlung oder dem IRIS-Rat diskutiert und gemeinsam entschieden. Entscheidungen im Arbeitsalltag werden vom Sprecher und vom Geschäftsführer getroffen.

6. Wie bedeutsam ist für Sie der Standort Berlin und welche Vorteile bietet er aus Ihrer Sicht?

Dr. Nikolai Puhlmann: Als Institut der HU sind wir Berlin als Standort natürlich sehr eng verbunden. Vor allem in Adlershof gibt es ideale Bedingungen für die Kooperation und sehr gute Verbindungen zu unseren Partnern aus außeruniversitärer Forschung und High-Tech-Unternehmen. Aber auch mit der FU, der TU und der Uni Potsdam arbeiten wir sehr gut und eng zusammen. Mit der Konzentration von so vielen hochkarätigen Partnern am Standort haben wir eine sehr gute Basis und Entwicklungsperspektiven. Aus unserer Sicht gibt es keinen besseren Standort als Berlin für das Projekt.

7. Wie können Branchenmitglieder aus Berlin-Brandenburg mit Ihnen kooperieren? Haben Sie auch Kapazitäten für Auftragsforschung?

Dr. Nikolai Puhlmann: Wir haben nicht nur Kooperationen im naturwissenschaftlichen Bereich, sondern auch mit den Kultur- und Geisteswissenschaften. Das ist ein wichtiger Baustein für das Konzept des IRIS. Wir wollen neue Wege beschreiten und völlig neue Erkenntnisse gewinnen. Das ist bisher sehr fruchtbar und erfolgreich. Das IRIS versteht sich also nicht als klassisches Institut, sondern soll auch Platz für völlig neue Ideen und Wege bieten.
Das Thema Auftragsforschung ist für uns kein Schwerpunkt, wir sind aber sehr aufgeschlossen für echte inhaltliche Kooperationen mit Unternehmen und anderen Instituten, die Projekte auf einem unserer zentralen Forschungsfelder verfolgen.
In unserem Neubau sind auch Laborflächen für Kooperationspartner vorgesehen, ebenso wollen wir vergünstigt Räume für Start-ups und Spin-offs anbieten.

8. Am 8. Dezember haben Interessenten eine gute Gelegenheit IRIS und einige Beteiligte besser kennen zu lernen. In Kooperation mit Berlin Partner organisiert die HU zum vierten Mal die Transferveranstaltung „Science meets Business”, dieses Mal mit Unterstützung von IRIS Adlershof. Welche Schwerpunkte sind zu erwarten?

Dr. Nikolai Puhlmann: Das zentrale Thema sind moderne Werkstoffe. Wir wollen Forschung und Anwendung zusammenbringen. Die Unternehmen können ihre Forschungsfragen stellen und direkt mit unseren Instituten besprechen. Die Veranstaltung wird in englischer Sprache ausgetragen und ist kostenlos. Wir freuen uns sehr auf interessierte Unternehmen, die ich an dieser Stelle herzlich einladen möchte.
Die Veranstaltung findet am 8. Dezember ab 13:30 Uhr in Adlershof im Erwin-Schrödinger-Zentrum in der Rudower Chaussee 26 statt.

Das Interview führte Markus Wabersky

 

KURZPORTRAIT IRIS Adlershof

Das Integrative Research Institute for the Sciences IRIS Adlershof der Humboldt-Universität zu Berlin erforscht fächerübergreifend neuartige hybride Materialien und Funktionssysteme mit bisher unzugänglichen optischen, elektronischen, mechanischen und chemischen Eigenschaften. Damit verbunden sind grundlegende Untersuchungen zur Struktur und Dynamik von Materie auf extremen Längen- und Zeitskalen sowie in komplexen Systemen.

IRIS Adlershof ist der Prototyp des Integrative Research Institute (IRI), eines neuen Forschungsformats der Humboldt-Universität zur Schaffung exzellenter Rahmenbedingungen für die Spitzenforschung. Es verfügt über Elemente eines Forschungsinstituts, eines Entwicklungslabors und eines Institute for Advanced Studies. Darüber hinaus verzahnt es die Humboldt-Universität mit einschlägigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und innovativen Unternehmen.

In der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder wird IRIS Adlershof im Rahmen des Zukunftskonzepts der Humboldt-Universität gefördert. Außerdem ist es mit seinen Mitgliedern an der School of Analytical Sciences Adlershof - SALSA, der Berlin Mathematical School - BMS sowie an den Exzellenzclustern Bild Wissen Gestaltung und Unifying Concepts in Catalysis - UniCat beteiligt.

VITA Dr. Nikolai Puhlmann
Nikolai Puhlmann studierte Physik an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte 1990 im Fach Experimentalphysik an Festkörpern. Er war anschließend wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Physik der HU und wechselte im Jahr 2000 als Referent in die HU-Forschungsabteilung. Er leitet die Geschäftsstelle von IRIS Adlershof seit der Gründung 2009.

 

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IRIS Adlershof
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