Dr. Arne Schleunitz, CEO (links) und Dr. Mirko Lohse, Projektleiter (rechts) ©micro resist technology

Interview mit Dr. Arne Schleunitz und Dr. Mirko Lohse, micro resist technology GmbH, Berlin

Neues EU-Projekt bietet Technologievorsprung bei Mikrofluidik

Mit 50 Leuten im Weltmarkt zu bestehen ist nicht leicht. Die micro resist technology GmbH, ein Hidden Champion aus dem Innovationspark Wuhlheide, macht aber vor, wie das geht: Mit steter Innovation durch gute Kontakte zu Wissenschaft und Kunden. Im aktuellen EU-Projekt NextGenMicrofluidics arbeiten sie jetzt an einer neuen Hochtechnologie.

Kurzporträt

Dr. Arne Schleunitz ist promovierter Ingenieur aus der Elektrotechnik und startete vor 8 Jahren als Leiter des Technology Managements bei der micro resist technology GmbH. Seit vier Jahren ist er auch als Chief Technology Officer und technischer Geschäftsführer tätig.

Dr. Mirko Lohse ist promovierter Chemiker und arbeitet seit 5 Jahren für die micro resist technology GmbH, derzeit als Projektleiter im Bereich Nano Imprint Lithographie. Er ist auch bei micro resist technology Projektleiter für das NextGenMicrofluids Projekt.

Die micro resist technology GmbH ist spezialisiert auf die Entwicklung und Produktion von Spezialchemikalien, die in der Mikro- und Nanostrukturierung eingesetzt werden. Das Unternehmen wurde 1993 von der immer noch geschäftsführenden Gesellschafterin Gabi Grützner gegründet. Es beschäftigt rund 50 Mitarbeiter am Standort im Innovationspark Wuhlheide. Frau Grützner hat vor der Gründung acht Jahre lang in der Entwicklung von optoelektronischen Bauelementen im Werk für Fernsehelektronik in Berlin gearbeitet.

INTERVIEW

optiMST: Können Sie mir kurz erklären, was der Microfluidics Innovation Hub ist?

Mirko Lohse: Der Microfluidics InnovationHub ist ein Verein, der im Rahmen des EU geförderten Projekts NextGenMicrofluidics gegründet werden soll. Das Ziel ist dabei, die Kompetenzen der Vereinsmitglieder und Projektpartner im Bereich der Mikrofluidik zu bündeln. Der Verein soll als zentraler Ansprechpartner für Kunden wirken, die ein Produkt im Bereich der Mikrofluidik entwickeln möchten. Das Projekt wird von der EU gefördert und ist mit 21 Partnern europaweitweit aufgestellt. Der Koordinator des Projekts ist Joanneum Research Materials aus Österreich.

optiMST: Wer soll mit dem Projekt angesprochen werden?

Mirko Lohse: Mit dem Projekt sollen Kunden angesprochen werden, die sich zum Beispiel in der Lebensmittelanalytik oder der Medizintechnik bewegen und die eine Idee oder einen Prototypen im Bereich Mikrofluidik haben, dem sie gern zur Serienreife verhelfen möchten. Und die eben nicht die Infrastruktur in der Firma haben, um das zu ermöglichen.

optiMST: Und was bieten Sie als Verein für diese Zielgruppe an?

Mirko Lohse: Wir als Verein haben vielseitige Expertise in unterschiedlichen Technologien von der theoretischen Fluidikberechnung über das Mikrostruktur-Mastering, über Fabrikation oder Laminierung bis hin zur Bio-Funktionalisierung von Oberflächen. Der Verein bietet Unterstützung entlang der ganzen Prozesskette an. Und wir bieten vor allem auch Hilfe bei der Skalierung, also um den Sprung zu machen von der Kleinserienproduktion zu großen Stückzahlen, wenn die richtige Marktreife erreicht ist.

optiMST: Gibt es eine finanzielle Unterstützung, wenn sich jemand mit einem Projekt an den Verein wendet?

Mirko Lohse: Ja, das ist möglich. In dem EU geförderte Projekt NextGenMicrofluidics, zu dem der Innovation Hub gehört, wurden Gelder eingeplant, um über einen sogenannten Open Call auch kleinere Projekte zu finanzieren.

optiMST: Ab wann können sich Firmen auf diesen Open Call bewerben?

Mirko Lohse: Bewerbungen gehen schon jetzt, aber tatsächlich geplant ist der Call ab Oktober 2021. Es sollen sich mehrere Firmen bewerben und dann wird anhand der verschiedenen Ideen entschieden, welche förderungswürdig sind oder welche passen.

optiMST: Micro resist technology ist ja ein typischer Hidden Champion, in dem Fall für Lithographie Chemikalien. Was hat das mit Mikrofluidik zu tun?

Arne Schleunitz: Bei der Mikrofluidik geht es vor allem um Fluidikkanäle, die nicht viel größer sind als ein menschliches Haar. Da braucht man innovative Technologien, um diese Mikrostruktur auch herzustellen. Dafür nutzt man nun Technologien aus der Mikroelektronik und der Halbleiter-Technik.

Und das ist unser Kernmarkt. Von dort werden Basistechnologien transferiert, um Mikrostrukturen für die Mikrofluidik oder auch die Mikrooptik herzustellen. Unsere Materialien und Technologien werden in die neuen Anwendungsmärkte gebracht, wobei wir mit den Kunden dann spezifische Anpassungen vornehmen. In diesem Projekt geht es da nicht nur um die richtigen Materialien, um Mikro- oder Nanostrukturen herzustellen. Es sind auch Aspekte wie optische Transparenz oder Bio-Kompatibilität zu beachten. Das betrifft speziell Anwendungen in der Pharmazie, in den Lebensmittelindustrie oder der Umweltanalytik.

optiMST: Herr Schleunitz: Wann hatten Sie Ihren letzten Kunden Termin außer Haus?

Arne Schleunitz: Eine spannende Frage... Meine letzte Dienstreise dieses Jahr war Anfang Februar zur Photonics West in San Francisco. Den letzte physischen Kundenkontakt hatten wir Anfang März. Da kam Besuch von einem Fraunhofer-Forschungspartner, der uns hier in Berlin besucht hat. Das war der letzte Handschlag, den ich gegeben habe.

optiMST: Hat sich denn der Lockdown in diesem Jahr schon auf Ihren Umsatz ausgewirkt?

Arne Schleunitz: Ja. Als Lieferant von Verbrauchsmaterialien sind wir natürlich ganz direkt gekoppelt an den Verbrauch in den Laboren und in den Produktionsstätten. In dem Moment, wo die Kunden ins Home-Office gehen, verbrauchen sie weniger Material, sie bestellen dann weniger. Der Lockdown ging ja im März los, und so ab Mai ist dann bei uns auch das stark verminderte Bestellaufkommen eingetroffen. In den Sommermonaten brach der Umsatz ein, wie wir das noch nie gesehen hatten.

optiMST: Und umgekehrt - sehen Sie auch Chancen für Ihre Firma durch die Pandemie?

Arne Schleunitz: In jedem Fall. Im Übrigen kommt der Umsatz ja auch wieder zurück. Wir sind in einigen Geschäftsfeldern jetzt wieder fast zurück auf den Planzahlen. Die Chancen in der Pandemie sind aus unserer Sicht vielfältig. Wir können jetzt zum Beispiel neue Wege beim Kundenkontakt ausprobieren. So wie wir jetzt, wir telefonieren, machen ein Video Call. Man sieht sich, man kann Präsentationsfolien austauschen und für beide ist der Aufwand vergleichsweise gering. Wir haben weltweit Kunden, und speziell in Richtung Asien, Taiwan oder Singapur, nutzen wir diese neuen Werbe- und Kontaktformate verstärkt.

Wir haben die Zeit auch gut genutzt und uns stark auf die Forschungs- und Entwicklungsaufgaben konzentriert, haben da die Arbeit intensiviert, um mit neuen oder weiterentwickelten Produkten nach dieser Krise auf dem Markt zu stehen.

Wir haben aber auch gesehen, dass es Lieferverzögerungen gab. Wir spüren bei unseren Kunden den Wunsch nach einem regionalen Zulieferer, wo die Lieferfähigkeit eher gegeben ist, als wenn man aus der ganzen Welt bestellt. Was uns als standorttreues kleines mittelständisches Unternehmen hier in Berlin natürlich freut. Das werden wir weiter bedienen und wollen es auch als Wettbewerbsvorteil ausbauen, dass wir im Standort Berlin für Europa unsere Produkte anbieten.

optiMST: Sie haben das Stichwort Forschung und Entwicklung schon gegeben. Welche neuen Geschäftsfelder haben Sie im Auge?

Arne Schleunitz: Wir bedienen mit unseren Materialien Technologien für die Mikro- und Nano-Strukturierung, also echte Basistechnologien. Bislang vor allem in der Mikroelektronik, zukünftig aber eben auch für die Mikrofluidik. Neben der Mikrofluidik sind dann vor allem auch Anwendungen in der Photonik oder der Mikrooptik, die kommen. Da sind Konzepte der Unterhaltungselektronik, beispielsweise die Gesichtserkennung als Mikrooptik-Komponente in Smartphones oder das ganze Thema 3D Sensing. Diese Technologien, also Mikrooptik und neue Sensortechnologien, kommen jetzt in der Medizintechnik, aber auch im Automotivbereich.

optiMST: Da passt ja so ein EU-Projekt gut in den Plan, oder?

Im weltweiten Vergleich haben wir als kleine mittelständische Unternehmen hier in Deutschland eine sehr privilegierte Situation, durch diese Förderprogramme. Mit 50 Leuten hier in Berlin-Köpenick haben wir eine gewisse Kernkompetenz, aber die Technologien, in denen unsere Materialien eingesetzt werden, sind schon sehr mannigfaltig. Wir haben einen eigenen Applikations-Reinraum, wo wir viele lithographischen Konzepte nachstellen können. Aber alle Anwendungstechnologien könne wir nicht vorhalten.

Deswegen ist es für uns so spannend, im Rahmen von so einem EU-Projekt mit den Partnern zusammenzuarbeiten. Das sind für uns virtuelle Ressourcen. Und wir haben rechtzeitig Zugriff auf die technologischen Fragestellungen unserer akademischen Partner. Wenn es dann in die Industrie geht, haben wir schon die kommerzialisierten Spezialmaterialien dabei. In Produktionen, die dann aufgebaut werden, wo noch keine Entscheidung getroffen ist, welches Material genommen wird oder welche Technologie - da haben wir dann als Mittelständler genau die Chance in die Produktion hineinzukommen, weil unser Material dann in dem Fall der technologische Enabler ist. Da sehen wir dann den kommerziellen Erfolg, nach dem akademischen Erfolg durch die Forschungsprojekte.

Das Interview führte Dr. Andreas Thoß im September 2020 durch.